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Hier mein Text, der gerade online bei der taz erschien – Stand war 15.00 Uhr. Hier eine aktualisierte und ausführlichere Fassung. Spätere Ergänzungen stehen [in eckigen Klammern].

Quelle: UNOCHA Afghanistan.

Das nächste Desaster: Naturkatastrophe in Afghanistan

Wohl über 1000 Tote bei Erdbeben in Südost-Afghanistan/ Die UNO eilt zur Hilfe, aber verhängte gleichzeitig erste neue politische Sanktionen gegen Taleban-Minister

Nun erschwert auch noch eine schwere Naturkatastrophe die Lage der 34,3 Millionen Afghan:innen, zusätzlich zum repressiven Regime der Taleban, einer durch westliche Sanktionen angeheizten Wirtschaftskrise und neuen Terroranschlägen des Islamischen Staates. Ein Doppelerdbeben erschütterte am Mittwoch gegen 01.25 Uhr Ortszeit den Südosten des Landes. Laut Geologischem Dienst der USA hatte das erste eine Stärke von 5,9, das zweite unmittelbar darauf von 4,5. [Zuerst war 6,1 gemeldet worden; das wurde später korrigiert.] Das Epizentrum befand sich im Distrikt Spera in der Provinz Chost in Afghanistans Südostregion an der Grenze mit Pakistan. [Es ereignete sich 10 km unter der Erdoberfläche, ein sogenanntes flaches Beben.]

Nach Angaben des Taleban-Vizeministers für Katastrophenschutz, Scharafuddin Muslim, kamen mindestens 920 Menschen ums Leben, weitere 600 wurden verletzt. [Der Chef der Informationsabteilung in der Provinz Paktika, Muhammad Amin Hazifi, sprach gegenüber der BBC schon von über 1000 Toten und mehr als 1.500 Verletzten. Das hört man auch von Journalisten und Helfern vor Ort im Katastrophengebiet, aber Zahlen lokaler Herkunft muss man immer mit Vorsicht genießen. Bis zum Abend gab es aus Kabul keine neuen Zahlen.]

Örtliche UN-Organisationen verwenden bisher keine exakten Zahlenangaben, sondern sagen, die Zahl der Opfer liege „in den Hunderten“. Ein ehemaliger afghanischer UN-Mitarbeiter, den die taz in Chost erreichte, berichtete: „Die Zahl der Opfer nimmt jede Minute zu. Viele Häuser sind zerstört. Taleban-Hubschrauber des Verteidigungsministeriums sind angekommen, aber die Rettungsmaßnahmen sind noch langsam.“ Laut BBC löste das Beben auch Erdrutsche aus.

Am stärksten betroffen ist offenbar Chosts südliche Nachbarprovinz Paktika, vor allem die Distrikte Gian, Barmal, Siruk und Nika. In Gian seien laut UN 1800 Häuser zerstört worden, etwa 70 Prozent des dortigen Wohnungsbestands. In Spera habe es 30 Tote und mehr als 100 Verletzte gegeben, berichtete der afghanische Journalist Nur Ahmad Hamkar aus Chost der taz. Die Provinzhauptstädte Chost und Scharana seien aber nicht betroffen, obwohl man dort das Beben ebenso gespürt habe wie in Kabul. Auch aus Pakistan wurden bisher keine Schäden gemeldet.

Ein örtlicher Stammesführer sagte AFP, die lokalen Märkte seien geschlossen, weil alle Überlebenden den Opfern zur Hilfe geeilt seien. Andere lokale Quellen spreche davon, viele Menschen seien unter den Trümmern ihrer meist aus Lehmziegeln und Holzbalken errichteten Häuser erstickt. Bildmaterial in sozialen Medien zeigte eine Klinik in Paktika, wo Verletzte bereits auf Betten im Freien liegen mussten. [Die BBC berichtete am Nachmittag unter Berufung auf einen Augenzeugen aus dem Distriktzentrum von Gian, dass dort überhaupt noch keine offiziellen Rettungsteams eingetroffen waren, sondern Menschen aus umliegenden Dörfern und Städten zur Hilfe geeilt seien. Die meisten Toten seien kleine Kinder. Ein Journalist aus Paktika wurde zitiert: „In jeder Straße, durch die man geht, hört man Menschen den Tod ihrer Verwandten beklagen.“ Ein Arzt aus Paktika sagte: „Wir hatten vor dem Erdbeben nicht genügend Leute und Einrichtungen, und jetzt hat das Erdbeben das bisschen ruiniert, das wir hatten. Ich weiß nicht, wie viele unserer Kollegen noch am Leben sind.“ Auch die Telefonverbindungen im Katastrophengebiet sind ausgefallen. Videomaterial in den sozialen Medien zeigt, wie die Bevölkerung Massengräber für die Opfer aushebt, z.B. hier.]

Zum Glück betreffen die starken Niederschläge, die in den letzten Tagen in anderen Teilen Afghanistan für Überflutungen sorgten, nicht den Südosten.

Es handelt sich offenbar um das schwerste Erdbeben in Afghanistan seit 1998, als im Nordosten des Landes über 4500 Menschen umkamen. [2002 kamen bei einem Doppelerdbeben in den Provinzen Baghlan und Badachschan 1.100 Menschen um; eine weitere Aufstellung früherer Erdbeben (auf Dari) hier.] Es traf eine der ärmsten Provinzen des Landes. Die betroffenen Gebiete können nur über unbefestigte Pisten und mit dem Hubschrauber erreicht werden. Der afghanische Journalist Ali Latifi sagte al-Jazeera, die Wirtschaftssanktionen hätten die örtliche Rettungsinfrastruktur noch weiter geschädigt.

Afghanistan liegt gleich an mehreren tektonischen Bruchstellen. Kleinere Erdbeben sind fast an der Tagesordnung. Laut UN kommen jährlich im Durchschnitt 560 Afghan:innen bei Erdbeben ums leben.

Die Taleban versuchen zu zeigen, dass sie in der Lage sind, den Betroffenen effektiv zu helfen. Der sonst abgeschottete Talebanchef Hebatullah Achundsada rief öffentlich zur Hilfe auf. Ministerpräsident Muhammad Hassan Achund berief eine Krisensitzung des Kabinetts ein, um die Hilfsmaßnahmen zu koordinieren. [Er gab bekannt, die Taleban-Regierung habe 100 Millionen Afghani (etwa 1 Mio US-Dollar) als Soforthilfen zur Verfügung gestellt. Das Verteidigungsministerium schickte sieben Hubschrauber und ein Ärzte-Team. Es habe 100 verletzte Soldaten der örtlichen Einheit evakuiert.] Auch Pakistan sagte bereits Hilfe zu. Laut dem humanitären UN-Koordinator in Afghanistan, Ramiz Alakbarov, habe die Talebanführung sich auch um Hilfe an die Weltorganisation gewandt. Die ersten Teams mit Traumahilfe, Zelten, Nahrungsmitteln sowie Wasser- und Hygieneanlagen seien auf dem Weg (mehr hier). Auch das Internationale Rote Kreuz, der Afghanische Rote Halbmond und NGOs beteiligen sich.

[Insgesamt sind Infrastruktur und institutionelle Strukturen schlecht, waren es auch schon unter alter Regierung. Man sollte die Taleban auch nicht unterschätzen. Sie haben vor ihrer Machtübernahme landesweit parallele Regierungsstrukturen aufgebaut und damals z.B. bei der Bekämpfung von Covid mit der internationalen Gemeinschaft und indirekt mit der damaligen afghanischen Regierung relativ gut kooperiert. Jetzt haben sie den alten Regierungsapparat – einschließlich der Katastrophenschutz-Organanisationen – übernommen, und mit ihnen einiges Personal, das schon unter vorherigen Regierungen Erfahrungen sammelte – auch in der Zusammenarbeit mit internationalen und Nichtregierungsorganisationen.]

Dabei sind die Beziehungen zwischen UNO und Taleban gerade gespannt. Der Sicherheitsrat in New York verlängerte am Montag zwar die Aufhebung von Reisesperren gegen mehrere hohe Taleban, um deren Kontaktbüro in Katar aufrecht erhalten zu können, nahm aber ausdrücklich Vizebildungsminister Sajed Ahmad Schahidchel und Hochschulminister Abdul Baqi Hakkani davon aus. [Die Taleban protestierten, scheinen die Sache in der gegenwärtigen Katastrophensituation aber nicht sehr hoch zu hängen.] Mit diesen ersten neuen Anti-Taleban-Sanktionen gab das Gremium offenbar seinem Missfallen an der misogynen Bildungspolitik der neuen afghanischen Machthaber Ausdruck.

Am Freitag hatte die UNO den deutschen Diplomaten Markus Potzel zum neuen Vizechef und damit amtierenden Leiter ihrer Afghanistan-Mission UNAMA ernannt. [Er war 2021 designierter deutscher Botschafter für Afghanistan (das wäre zum zweiten Mal gewesen), konnte sein Amt wegen der Nichtanerkennung des Taleban-Regimes aber nicht antreten. Zuvor war er deutscher Sonderbeauftragter für Afghanistan mit Sitz in Doha (Katar), wo viele westliche Regierungen ihre Gespräche mit den Taleban führen.]

[Das Bebengebiet ist nur ein neuer Brennpunkt der humanitären Katastrophe in Afghanistan: dazu kommen eine seit Jahren anhaltende, in immer kürzeren Abständen auftretende zyklische Dürre; Überflutungen in den letzten Tagen (z.B. in der Provinz Sarepul; Ergänzung 22.6., 20.30 Uhr: Tolonews berichtet gerade von landesweit 200 Todesopfern dadurch); Heuschreckenbefall an der Grenze zu Iran; Waldbrände in Nuristan; Schnee zum Sommerbeginn in Bamian; Wirtschafszusammenbruch und Arbeitslosigkeit – alles langfristige Probleme, die nur kooperativ zwischen Taleban und internationaler Gemeinschaft gelöst werden können. 

Möglicherweise könnten die Maßnahmen zur Überwindung des Bebens sogar für die Bevölkerung zu positiven Ergebnissen führen – wenn Taleban und Internationale gut kooperieren. Das könnte Möglichkeiten eröffnen, besser mit der generellen Armutskrise im Land zu umzugehen.]

Thomas Ruttig