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Die Belorussin Swetlana Alexijewitsch hat gerade den Literatur-Nobelpreis erhalten. Für mich – als Leser von fast allem, was es zu Afghanistan gibt, aber auch sonst gern von wirklich guten Büchern – ist das eine wirklich tolle Nachricht.

Find an English version of this text here, on the AAN website.

Umschlag der deutschen Ausgabe von "Zinkjungen" von Swetlana Alexijewitsch im S.Fischer-Verlag.

Umschlag der deutschen Ausgabe von „Zinkjungen“ von Swetlana Alexijewitsch im S.Fischer-Verlag.

 

Als Swetlana Alexijewitsch 2001 den Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück erhielt, schrieb Die Zeit:

Wenn es jemanden gibt, dessen Werk man gegenwärtig um der Hoffnungslosen willen geehrt wissen möchte, dann ist es diese heute 52-jährige [also nun 67-jährige] Weißrussin.

Das kann man jetzt nur unverändert so übernehmen. Nicht nur, weil sie mit (Цинковые мальчики) Zinkowije maltschiki (1990; im Deutschen: „Zinkjungen“, 1992 bei S. Fischer) 1991 eines der Schlüsselbücher überhaupt zu Afghanistan vorgelegt hat. Alle ihrer Bücher, die ich kenne, gehören zu besten, was ich je gelesen habe. Und in den deutschen Feuilletons erhielt sie verdientermaßen nur Superlativ-Kritiken.

Ihr erstes mir bekanntes Werk war Der Krieg hat kein weibliches Gesicht (auch verfilmt) – über die eine Million Frauen, die im 2. Weltkrieg in den Roten Armee gekämpft haben. Es erschien 1983, und dann 1987 auch in der DDR (bei Henschel). 1997 folgte ihr „nie genug gerühmtes“ (Zeit) Totenbuch Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft. 2005, mit 20 Jahren Verspätung, gab es ihr Die letzten Zeugen“ über die russischen Überlebenden des 2. Weltkriegs – „Prosa jenseits der Siegerpose“ (Deutsche Welle). 2013 (als sie auch den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt) erschien auf deutsch Secondhand-Zeit: Leben auf den Trümmern des Sozialismus, das die FAZ ein „Meisterwerk der Zeitgeschichte“ nannte.

Trotzdem noch ein paar Worte zu Zinkjungen – es war ein Augenöffner für mich und wahrscheinlich für viele in den ehemals sozialistischen Ländern. Nicht weil es sich um ein „Enthüllungsbuch“ gehandelt hätte (vieles war doch schon bekannt, was wirklich in Afghanistan los war, nicht zuletzt dank der Perestroika-Presse von Ogonjok bis schließlich selbst der Prawda), aber endlich eines, das weder ein gehobener Abklatsch der alten Prawda/ND-Propaganda noch von den spiegelbildlichen Zerrbildern der Löwenthals und Todenhöfer, um im eigenen Sprachraum zu bleiben. Gerade weil das Buch menschliche, individuelle Perspektiven aus dem Inneren der damals noch bestehenden, aber nun im Ergebnis der Gorbatschowschen Perestroika sich öffnenden Sowjetunion eröffnete – auf die Gräueltaten, die sowjetische Soldaten in Afghanistan begingen, aber auch darauf, was das den Psychen dieser Jungen (und manchmal auch jungen Frauen) antat. Zu einem ihrer anderen Bücher sagte Alexijewitsch einmal: „Ich wollte über den Wahnsinn des Krieges schreiben – nicht über den Sieg.“ Das trifft auch hier zu.

Aus den Büchern von Swetlana Alexijewitsch zu zitieren, zu denen auch die Geschichten russischer Selbstmörder zählen und das Werk Zinkjungen über den Afghanistankrieg, ist so wenig möglich wie bei jeder Literatur, die den Namen verdient. Denn Alexijewitsch ist nicht einfach Chronistin oder dokumentierende Zeugin, sie ist die Poetin literarischer Texturen, die sich nicht abkürzen lassen und die nur als Ganze den Schock bedeuten, der den Blick auf die Welt ändert.

Das schrieb Die Zeit 2001.

Aber vielleicht geht es aus ihren „Tagebuchaufzeichnungen zum Buch“:

 

14. Juni 1986

Ich hatte beschlossen, nicht mehr über den Krieg zu schreiben. Als mein Buch Der Krieg hat kein weibliches Gesicht fertig war, konnte ich es nicht einmal ertragen, wenn einem Kind die Nase blutete, ich wandte mich ab, wenn Angler, glücklich über ihren Fang, Fische in den Ufersand warfen…

Unterwegs zum Wochenendgrundstück, nahmen wir ein Schulmädchen im Auto mit. Die Kleine war in Minsk einkaufen gewesen, aus der großen Tasche ragten Hühnerköpfe, wir verstauten ein Netz mit Broten im Kofferraum. Im Dorf empfing uns ihre Mutter jammernd an der Gartentür. »Mama!« Das Mädchen rannte zu ihr. »Ach mein Kind! Andrej hat geschrieben. Er ist in Afghanistan… Sie werden ihn uns bringen wie Fjodorinows Iwan. Für ein kleines Kind genügt eine kleine Grube, aber unser Sohn ist doch groß und stark wie eine Eiche… zwei Meter groß… >Kannst stolz auf mich sein, Mama, ich bin bei den Fallschirmjägern, schreibt er.«

(…)

Oder die Episode im vorigen Jahr:

… Auf dem Busbahnhof im halbleeren Wartesaal ein Offizier mit Koffer, neben ihm ein kahlgeschorener, magerer junger Soldat, der mit einer Gabel im Kübel eines verkümmerten Gummibaumes stochert. Zwei Frauen vom Dorf setzen sich unbefangen dazu, fragen, woher die Männer kommen, wohin sie fahren. Der Offizier soll den Jungen nach Hause bringen, er hat den Verstand verloren. »Seit Kabul buddelt er mit allem, was er in die Finger kriegt…

Schippe, Gabeln, Stöckchen, Füller…« Der Soldat guckt hoch. »Wir müssen uns verstecken… Ich werd euch ein Loch graben… Das geht schnell bei mir… Wir nennen es Massengrab… Ich grab ein großes Loch für euch alle…«

Zum erstenmal habe ich Pupillen gesehen, die so geweitet waren, daß sie das ganze Auge auszufüllen schienen.

Worüber spricht man um mich herum? Worüber schreibt man? Über die internationalistische Pflicht, über Geopolitik, über unsere staatlichen Interessen, über die südlichen Grenzen. Gerüchte gehen um von Todesbenachrichtigungen in Wohnblöcken und Bauernhäu-sern mit friedlichen Geranien vor den Fenstern, über Zinksärge, die gar nicht in die Mauselöcher aus der Chruschtschowschen Zeit passen. (…)

Die Zensur achtet darauf, daß in Kriegsberichten nichts vom Tod unserer Soldaten steht, man macht uns weis, daß ein »begrenztes sowjetisches Truppenkontingent« dem Brudervolk hilft, Straßen zu bauen, Dünger in die Dörfer, die Kischlaks, zu fahren, daß sowjetische Militärärzte afghanischen Frauen bei der Entbindung helfen. Viele glauben es. Heimgekehrte Soldaten gehen mit Gitarren in die Schulen, um zu besingen, was zu beklagen wäre. (…)

 

5.-25. September 1988

Aus Berichten:

(…) »… Du hast einen guten Freund… Und dann siehst du seine Gedärme wie eine Girlande am Felsen hängen… Und du denkst nur an Rache…«

»… Wir warten auf eine Karawane. Wir warten zwei, drei Tage, liegen im heißen Sand, pissen einfach unter uns. Am Ende des dritten Tages wirst du zum wilden Tier und gibst voller Haß den ersten Feuerstoß ab… Als die Schießerei zu Ende ist, sehen wir, daß die Karawane Bananen und Marmelade befördert… Jetzt kann ich keine Marmelade mehr sehen…«

(…)

Im Lazarett habe ich gesehen, wie ein russisches Mädchen einen Teddybären auf das Bett eines afghanischen Jungen legte. Er nahm ihn mit den Zähnen und spielte damit, er hatte keine Arme. »Das waren deine Russen«, übersetzte man mir die Worte der Mutter. »Hast du Kinder? Was? Junge oder Mädchen?« Ich weiß bis heute nicht, was größer in ihren Augen war – Entsetzen oder Verzeihen.

Zum Weiterlesen hier entlang.

Swetlana Alexijewitsch bei der Verleihung der Kapuscinski-Preises in Warschau, 2015. Foto: Charta97.org.

Swetlana Alexijewitsch bei der Verleihung der Kapuscinski-Preises in Warschau, 2015. Foto: Charta97.org.

 

Die gesamte Bibliografie hier auf der offiziellen Nobelpreis-Webseite.

Eine von Alexijewitschs Kurzerzählungen, „Protokoll einer Liebe auf dem Minenfeld“ (2007 in der Süddeutschen) kann man hier lesen.

Swetlana Alexijewitschs Homepage findet sich hier.

 

 

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