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Schon seit Jahren gibt es immer wieder westliche Politiker und Offizielle, die die Sicherheitssituation in Afghanistans Hauptstadt Kabul mit bizarren Vergleichen zu verharmlosen suchen. Für ein paar Jahre war die Top 5 dieser Vergleiche relativ stabil (siehe weiter unten), aber nun hat sich erneut ein Außenseiter ins Rennen gebracht, von dem mit nicht bekannt ist, ob er je in Afghanistan gewesen ist: Boris Palmer, Grüner OB der Universitätsstadt Tübingen.

 

Neueinsteiger: Palmer (Brasilien) – und sofort auf Platz 3

Palmer hat ein Buch zur „Flüchtlingskrise“ geschrieben und promotet es jetzt mit Interviews, die steile Thesen enthalten. (NDR-Reporter und Ex-Südasien-Korrespondent Gabor Halasz tweetete darauf sehr richtig wie folgt: „Fremdele immer mehr mit Wort Flüchtlingskrise. Nicht der Flüchtling ist die Krise. Eher eine Kriegs-, Terror-, Armuts-, Globalisierungskrise”, ).

Der Spiegel schrieb zu seinen Afghanistan-Äußerungen (ich muss hier indirekt zitieren, weil das ganze Interview hinter einer Bezahlschranke steht):

Als Vergleich zog Palmer Brasilien heran: Dort würden Jahr für Jahr 50.000 Menschen umgebracht, das Land sei so gefährlich wie Afghanistan. „Trotzdem haben wir da eine Fußball-WM abgehalten, und niemand sagt, dass man nicht hinfliegen kann.“

Außerdem zitiert das Nachrichtenmagazin ihn wie folgt:

„Was Afghanistan angeht, gibt es eine gefühlte Wahrnehmung von Unsicherheit, die vor allem durch Bilder von Anschlägen transportiert wird.“ Die Einschätzung habe aber nichts mit der statistischen Wahrscheinlichkeit zu tun, „dass jemandem tatsächlich etwas zustößt, der dorthin abgeschoben wird“.

Interessant: Es war nicht der erste Vorstoß Palmers in diese Gefilde. Anfang des Jahres fragte er schon einmal „polemisch“, wo es wohl gefährlicher sei: in Chicago oder in Kundus? Dafür nahm ihn Jürgen Webermann in einem ARD-Kommentar zur Brust (hier) und schlug ihm eine gemeinsame Afghanistan-Reise vor. Und schon 2016 schlug Palmer „Zäune“ an den EU-Außengrenzen zur Flüchtlingsabwehr vor. Bei der Tour de France hätte er damit zumindest das grüne Trikot des Punktbesten sicher.

Und bei mir kommt er von Null auf Platz 3.

Fast so sicher wie Afghanistan: Tübinger Altstadt (im Hintergrund). Foto: Webseite Boris Palmer

 

Weiter auf Platz 1: The Real Donald Trump (Chicago)

Wegen zu geringer Reichweite Palmers – und weil ich mir nicht einen Drohnenschlag aufhalsen will, nur weil ich den Pfälzer Amerikaner im Weißen Haus von Platz 1 herunterschubse – muss der reale Donald an der Pole Position bleiben.

Bei einem Wahlkampfauftritt am 12.9.16 in Asheville, North Carolina, sagte er (zitiert hier) in seinem unnachahmlichen Satzbau:

“You can go to Afghanistan. You can go to war-torn countries and you will find that it’s safer than being in the middle of some of our inner cities”.

(„Sie können nach Afghanistan gehen. Sie können in kriegszerstörte Länder gehen, und sie werden sehen, dass es sicherer ist, als sich inmitten einiger unserer Innenstädte ist.“ Chicago, wahrscheinlich, woher ja sein Vorgänger Obama kommt.)

Hier im übrigen unsere Analyse von Trums Vor-Wahl-Tweets zu Afghanistan und Pakistan bei AAN.

 

Platz 2: Ryan Crocker (Verkehrsinsel)

Nur sehr knapp dahinter 2011 der damalige US-Botschafter in Kabul, Ryan Crocker, der 2011 über Kabul sagte (zitiert hier):

„It’s better than I thought. The biggest problem in Kabul is traffic.“

(„Es ist besser als ich dachte. Das größte Problem in Kabul ist der Verkehr.“)

Haben wir Kabulis gelacht…

 

(Platz 3: Palmer, s.o.)

 

Platz 4: der Pressesprecher des Auswärtigen Amtes Martin Schäfer (Hamburg a.d. Außenalster)

“Niemand (…) hätte behauptet (…) dass die Sicherheitslage für Menschen in Afghanistan exakt die gleiche ist wie – ich weiß nicht – an der Außenalster in Hamburg oder so…”

Auf solche Aussagen folgt natürlich meist, wie auch hier, ein „Aber“ (dieses hier lesen oder im Video hier weitersehen).

 

Platz 5: EU-Sonderbeauftragter Mellbin (Paris, London. Madrid)

Der EU-Botschafter in Kabul, Franz-Michael Mellbin, ein Däne, verglich im DW-Interview wie Palmer Kabul – wegen der Terroranschläge – mit „Paris, London, Madrid”. Nur dass dieser in Kabul eben, anders als dort, nun, zwar wirklich nicht an der Tagesordnung, aber doch sehr viel regelmäßiger stattfinden. Außerdem sind solche Vergleiche eben nur ein Ausschnitt, den sie vernachlässigen, dass in Afghanistan – im Unterschied zu den EU-Ländern – ein Krieg tobt.

Hier nun Mellbin im Wortlaut:

„Ich denke, man kann als Afghane in verschiedenen Teilen des Landes eine gute Sicherheitslage vorfinden. Es gibt allerdings sehr große regionale Unterschiede. Es kommen aber sehr viele Orte in Frage, wo man hingehen kann. Das sind insbesondere die großen Städte, darunter Kabul, wohin sehr viele Menschen ziehen, darunter Binnenflüchtlinge. Aber auch andere größere afghanische Städte bieten den meisten Afghanen die Bedingungen für ein normales, sicheres Alltagsleben. (…)

Ich erinnere mich auch an Bilder aus Paris, London, Madrid. Ich kann eine lange weltweite Liste von bedauerlichen Terroranschlägen gegen Zivilisten aufstellen, auch in Europa. (…) damit sind auch Individuen in Afghanistan konfrontiert, ebenso wie wir es in den europäischen Hauptstädten sind.“

 

Unter „ferner liefen“: Mark Sedwill (London, Glasgow)

Weit abgeschlagen, weil er sich hinterher entschuldigt hat (der Vergleich sei „nicht sehr gut“ gewesen), der damalige Oberste Zivile NATO-Vertreter in Kabul, Mark Sedwill:

„The children are probably safer here than they would be in London, New York or Glasgow or many other cities. (…) Here in Kabul and the other big cities (in Afghanistan) actually there are very few of those bombs.

(Die Kinder sind möglicherweise sicherer hier, als sie es in London, New York oder Glasgow oder in vielen anderen Städten sein würden. (…) Hier in Kabul und den anderen großen Städten gibt es tatsächlich nur sehr wenige (…) Bomben.)

Hier Sedwill im Video.

 

Außer Konkurrenz: Der Unbekannte BMZ-ler

So weit unten steht dieser Mitbewerber aber nur, weil anonym. Ansonsten wäre die Prägnanz der Aussage reif für einen Spitzenplatz.

Hier das Protokoll aus dem Spiegel:

Es gibt da eine Geschichte, die man sich dieser Tage in Kabul gern erzählt. Im Entwicklungsministerium (BMZ) in Berlin trafen Vertreter von Organisationen, die in Afghanistan arbeiten, auf Ministerialbeamte und klagten ihr Leid. Afghanische Mitarbeiter würden bedroht, die Sicherheitslage sei schlecht und die Furcht groß, dass sich die Warlords bald wieder bekämpfen.

Einem BMZ-Referenten platzte der Kragen: Man solle „jetzt mal aufhören mit dem Rumgeheule“, er sei schließlich gerade erst in Afghanistan gewesen. „Alles war sehr sicher dort“, ließ er die verdutzten Zuhörer wissen. Ende der Diskussion. Das BMZ widerspricht dieser Geschichte zwar, solche Worte seien nicht gefallen, aber Teilnehmer der Runde bestätigen das Gegenteil.

 

Bonus-Track: „Afghanistan is not Switzerland“, hier.

 

 

 

 

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